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01.05.2021 Nicht Fisch, nicht Fleisch? Gedanken zum Thema Gender-Wortfindung

Die Hauptthemen, über die derzeit auf allen Kanälen getextet und diskutiert wird, sind – natürlich – Corona, Kanzlerwahl und Gender, letzteres sehr emotional und auch gern mit dem Zusatz „Wahnsinn“ versehen.

Ob männlich, weiblich oder keins von beidem, dazu gibt es die unterschiedlichsten Meinungen, Stellungnahmen, auch Empfehlungen bis hin zu Vorschriften, und ich habe als kleines Gedankenexperiment mal ein paar eigene Ideen weiterverfolgt. Es ist eine Mischung aus Fantasie, Alltagserfahrung und Beobachtung, und es beschäftigt sich mit nur einem kleinen Teil des sehr komplexen Ganzen.

Zunächst: Ich mag Sprache, ich finde sie spannend und aufschlussreich. Sie ist in steter Entwicklung und verändert sich. Was in meiner Kindheit als Unwort galt (Scheiße sagt man nicht!), schockiert heute niemanden mehr. Ich mag auch Schrift, sie ist eine große kulturelle Errungenschaft und ein wichtiger Informationsträger. Ganz unverkennbar ist die männliche Welt darin ausgeprägter, das Weibliche sprachlich oft nur per Anhängsel genannt, und bezogen auf die Menschheit insgesamt gibt es eine große Gruppe, die sich gar nicht wiederfindet. Ich fasse sie hier in dem Begriff „Diverse“ zusammen (so wie das m/w/d zum Beispiel bei Stellenausschreibungen gängig ist), doch innerhalb dessen gibt es auch Diversität.

Nun sollen Sprache und Schrift also gendergemäß verändert werden, da sie sich von selbst nicht schnell genug verändern (denn das würden sie, wenn die Sprechenden und Schreibenden ihre Haltung und Denkweise ändern). Neuer Bestandteil ist zum Beispiel das Gendersternchen.

Unsere Sprache kann viel leisten, wir können viel mit ihr ausdrücken, und wo es an neuen Begriffen fehlt, nehmen wir Anleihen bei anderen Sprachen. Deutsch ist durchsetzt mit Latein, Französisch, Arabisch und Englisch, um nur einige Exoten zu nennen. An viele Worte haben wir uns so gewöhnt, dass sie uns gar nicht mehr „ausländisch“ vorkommen.

Doch ich habe den Eindruck, dass wir momentan damit an eine Grenze stoßen würden, wenn wir das Genderthema auf sprachlicher Ebene konsequent durchziehen wollten. Anlass zu meinen Fantasien war eine Talkshow, in die ich neulich durch Zufall zappte. Eine Person, die männlich geboren worden war, identifizierte sich nicht mehr damit und sprach über diese Entwicklung und den Alltag damit. Zum Vornamen war ein weiblicher hinzugekommen, offiziell eingetragen. Als Anrede von anderen Leuten wurde weder Herr X noch Frau X akzeptiert, sondern man sollte doch stattdessen den vollen Namen nennen.

Und das hinterließ bei mir einige Fragen, die zu den Überlegungen führten, die ich hier aufschreibe.

Als Arbeitshypothese: Ich nehme an, dass es Frauen gibt, die sich zu 100% als Frau fühlen, und demgegenüber auch Männer, die sich zu 100% als Mann fühlen. Zwischen diesen Polen gibt es all die gefühlsmäßigen Abstufungen, und je mehr man sich der Mitte nähert, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, sich weder als das eine noch das andere bezeichnen zu wollen. Man kann aber nicht nichts sein. Man ist immer etwas bzw. jemand, und dafür braucht es eine Bezeichnung.

Es ist typisch menschlich, dass wir alles benennen wollen. Es hilft uns, das Eine vom Anderen zu unterscheiden und uns gleichzeitig eine Information darüber zu geben. Ein Apfel ist keine Birne. Wir haben mal mit wenigen Worten angefangen und immer mehr differenziert, jedes Neue oder Andere braucht einen eigenen Namen. Die Sprachentwicklung folgt dabei, kulturell unterschiedlich, ihren eigenen Regeln. Wenn jetzt die Existenz von mehr als zwei Geschlechtern auch in Sprache und Schrift ausgedrückt werden soll, müssten Basis-Worte demontiert werden. Denn „man“, „jemand“ und „Mensch“ meint zwar beide/alle Geschlechter, lässt aber den Wortstamm „Mann“ gut erkennen. Die Vermutung drängt sich auf, dass ursprünglich die Männer nur sich selbst damit meinten. Eine weibliche Variante davon haben wir leider nicht, auch keine gemischte. Womit also sollten wir das austauschen?

Zurück zu der Talkshow, ich nenne diese betreffende Person mal Hans Grete X. Im privaten Umfeld ist es ja egal, aber in öffentlicher Umgebung muss er/sie/es sich immer noch entscheiden, entweder die Herren- oder Damentoilette zu benutzen (sofern nicht eine dritte Kategorie eingerichtet wurde).

Wir haben drei Artikel, einen männlichen, einen weiblichen und einen neutralen. Der Mann, die Frau, das Kind. Ein Kind ist somit weder das eine noch das andere, bis spätestens die Pubertät mit ihrem Hormonschub für Klarheit sorgt. Die Realität ist natürlich anders, da haben wir Mädchen und Jungen, die auch immer noch gern farblich gekennzeichnet werden und auch auf andere Weise Berührung mit ihrer späteren Rolle bekommen. Die eigene Wahrnehmung von diesem oder jenem Sein findet auch schon recht früh statt und deckt sich eben nicht immer dem, was Mutter Natur im körperlichen Bauplan angelegt hat.

Ich stelle mir vor, Hans Grete wäre mein Kind. Kein Problem, das so auszudrücken. Aber wenn man mich genauer fragte, was könnte ich dann sagen? Zum Beispiel: „Nein, weder Sohn noch Tochter, ich habe ein Diverses.“ Klingt komisch. Und ich muss es mit dem neutralen Geschlecht verwenden, denn sonst hätten wir ja wieder der Diverse oder die Diverse. Genau das, was die Diversen (im Plural geht es) eigentlich vermeiden wollen.

Auch auf der Geschwister-Ebene wird es schwierig. Geschwister werden im Plural verwendet und meinen nicht ausschließlich Schwestern (im Gegensatz zu Gebrüdern, wo es tatsächlich nur um Brüder geht – auch wieder merkwürdig). Wenn ich Geschwister habe, kann das alles sein. Schön. Aber nun ist da Hans Grete … „Haben Sie Geschwister?“ Und ich antworte: „Ja, einen Bruder und ein Diverses.“

Es würde noch an weiteren familiären Bezeichnungen fehlen. Strenggenommen kann Hans Grete kein Onkel sein, auch keine Tante. Hier könnte man noch aus zwei Begriffen einen neuen zusammenschmelzen und sich in der Mitte treffen: Das Tankel. Wie sieht es mit Neffen und Nichten aus? Wäre ich Hans Gretes Tante, wäre es dann mein … Nefti? Nichteff? Oder der Einfachheit halber auch mein Diverses? Das Wort ist zumindest flexibel einsetzbar.

Weiter … in unserem Kulturbereich gilt es als höflich, eine fremde Person mit einer Anrede und dem Familiennamen anzusprechen oder anzuschreiben. Bei maschinell erstellten Dokumenten lautet es manchmal auch „Sehr geehrte/r Herr/Frau X“. Wie lautet nun die höfliche Anrede für eine Person, die sich weder mit der einen noch der anderen Seite identifiziert? Ich stelle mir die Begrüßung einer größeren Menschengruppe vor: „Verehrte Damen, Diverse und Herren, ich begrüße Sie zum heutigen Abend“.

Käme Hans Grete zu einer kleineren Runde von Leuten, die sich nicht duzen, könnte die Vorstellung so lauten: „Darf ich die Herrschaften (da ist es wieder!) bekanntmachen – Frau Z, Herr Y, Divers X.“ Dann sagt Hans Grete vielleicht: „Oh nein, ich bevorzuge Hans Grete X, bitteschön.“ Und dann verzieht eine der anderen Personen vielleicht das Gesicht und sagt: „Ich möchte Sie nicht beim Vornamen nennen, das ist mir zu persönlich. Bitte schlagen Sie eine andere Möglichkeit vor.“

Im englischsprachigen Raum wird nicht gesiezt, da ist die Vorgehensweise wohl etwas lockerer, aber für uns ist das eine gewachsene Höflichkeitsformel, auf die sicher nicht alle verzichten möchten.

Es gäbe noch viel mehr darüber zu schreiben, aber für heute genügt mir dieser Ausflug in hypothetische neue Sprachwelten.

 

Das Thema wird uns wohl noch weiterhin beschäftigen, und ich muss mir überlegen, wie ich damit umgehe in Bezug auf meine Schreiberei. Wahrscheinlich handhabe ich das eher konservativ, fürs Genre Fantasy sehe ich das nicht so kompliziert. Außerdem neige ich zu der Auslegung, dass die männliche Welt den Plural nicht für sich allein gepachtet hat und dass alle anderen automatisch mit drin sind. Er wird mit dem weiblichen Artikel gebildet, dies ist mir Sichtbarkeit genug. Auf Sternchen werde ich verzichten. Ich bezeichne mich selbst als Autofahrer und Katzen- bzw. Hundehalter und fühle mich dadurch nicht in meiner Weiblichkeit gemindert. Und in einer Gruppe bin ich Mitglied, nicht Mitgliederin. Solche Neuschöpfungen sind unnötig, wenn das Ausgangswort neutral ist und für alle gelten kann.

Letztlich zählen Gleichbehandlung und Gleichstellung im echten Leben, zum Beispiel bei den Löhnen und Renten. Da helfen Sternchen nichts. Gegenüber den Verhältnissen vor hundert Jahren ist schon viel erreicht, und es geht stetig weiter, für kommende Generationen.

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