Pelzige Mitbewohner

Zuvor eine Erklärung: FIV, auch Katzenaids genannt, ist eine dem menschlichen Aids ähnliche Immunerkrankung. Sie betrifft nur Katzen und ist weder auf Menschen noch auf Hunde oder andere Tiere übertragbar. Eine Katze kann Virusträger sein und ohne dessen Ausbruch so lange leben wie eine nicht infizierte Katze. Sie sollte allerdings nur in der Wohnung gehalten werden.

Ich möchte euch hiermit ermuntern, im Rahmen eurer Möglichkeiten auch Handicap-Tieren zu helfen. Sei es durch Adoption, als Pflegestelle, durch Patenschaft oder durch Unterstützung der Organisationen, die sich um Tierschutz im In- und Ausland bemühen. Jede Zuwendung verbessert ihre Situation.

Die Geschichte meiner Katzen beginnt mit meinem Einzug in die erste eigene Wohnung. Die Geschichte meiner FIV-Kater beginnt mit Tyson, einem zerhauenen alten Streuner, der von der Katzenhilfe Niederrhein aufgenommen wurde. Er konnte wegen der Ansteckungsgefahr nicht mit den anderen, gesunden Tieren zusammen untergebracht werden und musste seine Zeit allein in einem kleinen Raum verbringen. Ihm ging es nicht gut, das Virus war ausgebrochen, und er lebte nicht mehr lange.

An ihn erinnerte ich mich, als ich nach einer kurzen katzenlosen Zeit auf der Suche nach neuen Mitbewohnern war. Ich wollte diesen mehr oder weniger Chancenlosen helfen und suchte gezielt nach Katern mit FIV. Ein Fellgesicht sprang mir sofort ins Auge, der Kater war mindestens zehn Jahre alt und wirkte, als habe er jegliche Hoffnung aufgegeben. Ein spanischer Streuner – im eigenen Land hatte er null Aussicht auf Adoption.

Attila genießt den Sonnenschein

Wenige Wochen später war er bei mir, ich nannte ihn Attila. Von bestandenen Kämpfen zeugten seine zerfetzten Ohren und die Narben im Gesicht. Mir gegenüber benahm er sich zurückhaltend bis höflich, hatte so etwas von einem alten Aristokraten. Sein neues Leben nahm er interessiert an, lernte sogar zu spielen, doch er blieb immer etwas vornehm-reserviert und bewahrte stets perfekte Haltung (siehe im Titelbild links).

Wie und vor allem wovon Attila vorher gelebt hatte, weiß man natürlich nicht. Nach nur sieben Monaten versagten seine Nieren. Diesen letzten Kampf konnte er nicht gewinnen. Doch ich bin froh, dass er diese letzten sieben Monate noch hatte genießen können.

Kurz nach Attilas Einzug fragte die Organisation bei mir an, ob ich eventuell noch einen Kater aufnehmen könne, denn eine andere Vermittlung hatte nicht geklappt. Jemand hatte ein FIV-Pärchen adoptiert, doch nun attackierte die Katze den Kater und duldete ihn nirgendwo mehr. Endlich raus aus dem Tierheim wollte sie das schöne neue Zuhause nicht teilen.

Natürlich sagte ich zu und holte den Unglücklichen ab. Ein schwarzes, dickes Häufchen Elend, mit dem Frustspeck von vier Jahren Tierheim auf den Rippen. Naoko, der fast nichts anderes kennengelernt hatte, der Menschen liebte und nie genug Streicheleinheiten bekommen konnte. Er und Attila nickten sich zu, sie hatten ja noch vier Wochen zuvor im gleichen Gehege gesessen. Nun kam auch für ihn die Welt ins Gleichgewicht.

Naoko endlich im eigenen Körbchen

Ohne Attila blieb eine deutliche Lücke, und Naoko fehlte offenbar der Katerkumpel. Ich suchte wieder und fand ein anscheinend geeignetes Tier, doch dafür gab es bereits feste Interessenten. Man empfahl mir einen Kater im Tierheim Lengerich, der dringend ein Zuhause brauchte.

Ich fuhr hin. Dem Kater war anzusehen, dass er sich nicht wohlfühlte. Sein schönes cremefarbenes Fell wirkte ungepflegt, der Blick ging ins Leere. Während der zweieinhalb Stunden Autofahrt nach Hause gab er nicht einen Ton von sich.

Sinan hatte außer FIV und der Neigung zu Struvitsteinen noch eine andere Baustelle, und ich fand durch eine Tierkommunikatorin heraus, was genau sein Problem war. Er mochte mit seinen Pfoten keine Katzenstreu berühren, und wir einigten uns auf die Benutzung von flachen Schalen mit Papier und Zellstoffeinlage. Damit ging dann alles gut.

Sinan auf dem Lieblingsplatz vor der Heizung

Ich machte mir allerdings keine Illusionen, dass er sehr lange bei uns sein würde. Meist wirkte Sinan wie nicht ganz von dieser Welt – immer dieser rätselhafte Blick in unergründliche Ferne, das Fell wurde nicht besser, und er nahm nicht zu. Auf dem Foto sieht man die eingefallenen Flanken, er verschmähte die leckersten Häppchen (Naoko nahm in dieser Zeit wieder zu), war andererseits aber sehr entspannt, freundlich und verschmust. Auch ihm setzten die Nieren ein Ende. Er schnurrte, als die Tierärztin ihm seine Spritze gab.

Ein paar Monate vergingen, und ich schaute wieder auf die Seite der Streunerhilfe Katalonien, von wo Naoko stammte. Sie hatten gerade Neuzugänge aus einer Katzenkolonie bei einer Hotelruine, die abgerissen werden sollte. Ein Siamkater mit FIV war dabei, geschätzt zehn Jahre alt. Ich nahm sofort Kontakt auf.

Vom Äußeren her war Ramon ein muskulöser Macho, in seinem Wesen jedoch ein softes Seelchen. Die himmelblauen Augen hatten einen leichten Silberblick, der kurze, zweimal geknickte Schwanz ließ auf einen früheren Unfall schließen. Mit der Siam-typischen Gesprächigkeit ließ er mich wissen, wann Essenszeit war und dass er gern auch probieren wollte, was ich sonst noch zubereitete. Kochen war nur möglich, wenn eine Hand freiblieb, um Ramon von der Arbeitsplatte zu scheuchen (die Küche hat keine Türen).

Ramon mit seinem Ich-kann-kein-Wässerchen-trüben-Blick

Ramon und Naoko verstanden sich gut, und für eine Weile verlief alles wie gewohnt. Bis eines Tages eine Freundin aus Norddeutschland anrief. In einem Tierheim in ihrer Nähe drohte einem FIV-Kater die Einschläferung, da man ihn nirgends unterbringen geschweige denn vermitteln könne.

Ich hatte in Hamburg zu tun und besuchte das Tierheim auf dem Hinweg. Taki saß seit sechs Wochen in der Quarantänebox, ließ sich nicht anfassen und fraß nur nachts, wenn kein Mensch in der Nähe war. Ich sah Augen voller Panik und dachte nur: „Hier muss ich helfen.“ Auf dem Rückweg nahm ich ihn mit.

Es dauerte tatsächlich lange, bis Taki nicht nur die zwei anderen Kater, sondern auch mich als Mitbewohner akzeptierte. Unsere Annäherung verlief nur sehr langsam. Welch schreckliche Erfahrung mit Menschen mochte er wohl gemacht haben? Anfangs dachte ich noch, dass ich ihn bei mir zur Ruhe kommen lassen und dann an ein dauerhaftes neues Zuhause weitervermitteln würde. Denn ein Katertrio war eigentlich nicht geplant. Aber die Idee gab ich irgendwann auf, alles lief gut. Taki schaute sich bei den anderen ab, dass Menschen auch nett sein können, und unser Vertrauensverhältnis wurde immer besser.

Taki wartet auf seinen Futternapf

Es kam der traurige Tag, an dem wir uns auch von Ramon verabschieden mussten. Die Nieren … trotz Spezialfutter ging es irgendwann nicht mehr weiter. Ihm war nichts anzusehen, seidenweiches, glattes Fell bis zuletzt. In meinen Armen schlief er ein.

Naoko und Taki sind noch bei mir, es geht ihnen gut. Naoko ist jetzt mindestens dreizehn Jahre alt, Taki vielleicht sechs, sieben. Irgendwann wird es wieder einen Abschied geben, und ich hoffe, dass es nicht so bald sein wird. Aber dann wird wieder ein Platz frei für eine arme Pelznase, die zumindest noch ihre letzte verbleibende Zeit in Wärme und Zuneigung verbringen soll. Und für jede adoptierte Katze kann eine andere, die draußen noch ums Überleben kämpft, ins Tierheim nachrücken.

Liebe Leute, gebt ihnen eine Chance. Da draußen sind so viele von ihnen. Einäugig, dreibeinig, krank, alt – sie sind die Verlierer einer Gesellschaft, die alles in jung und schön bevorzugt. Aber auch sie waren mal niedliche Babykätzchen. Viele von ihnen sind übrigens das Ergebnis der Weigerung von uns Menschen, unsere Freilaufkatzen kastrieren zu lassen.

Sie haben ein freundliches Heim verdient. Wir sind es ihnen schuldig.