Texte

Kein Manuskript geht in seiner Erstfassung durch. Es wird revidiert, gekürzt, ergänzt, umgebaut – und das mehrmals. Einige Teile finden woanders Verwendung oder bilden die Grundlage für eine separate Kurzgeschichte. Einige Teile werden ganz verworfen, weil ich mich zum Beispiel für eine andere Entwicklung des Plots entschieden habe.

Ein paar Kostproben dieses gestrichenen Materials möchte ich euch nicht vorenthalten. Sie deuten an, dass einiges auch ganz anders hätte ausgehen können.

Ein Narr ohne Glöckchen und noch dazu in dunkler Kleidung war sozusagen unsichtbar. Durch die unbeleuchtete Seitenpforte verließ Aurelio den Burghof und verschmolz sofort mit einem Baumstamm. Schnell gewöhnten sich seine Augen an das schwache Licht, und dann bewegte er sich von Deckung zu Deckung vorwärts, bis er die bezeichnete Stelle fand. Die Intuition der Königin war immer wieder verblüffend, doch ob sie auch diesmal recht behalten würde?
Er wappnete sich mit Geduld. Da drin in der Versammlungshalle versäumte er gerade nichts, und diese aufgeblasenen Ratsherren waren ihm sowieso ein Gräuel. Noch ein paar Wortmeldungen von Gustav dem Feylschenden mehr, und er hätte einen seiner berüchtigten Spottgesänge angestimmt.

Nachtvögel und kleine Tiere raschelten in den Bäumen und auf dem Boden, und von ferne waren die Geräusche aus dem Lager der Rabenkrieger zu hören. Aurelio wandte den Kopf hierhin und dorthin und lauschte. Nach einer Weile vernahm er etwas, das im bisherigen nächtlichen Geräuschhintergrund störte: verstohlene Schritte, die sich langsam näherten. Er lächelte. Wieder einmal hätte er eine Wette gewinnen können, wenn ihm der Sinn nach Glücksspiel stünde. Jetzt konnte er auch die beiden Schatten sehen, die genau zu der Stelle gingen, von der aus man in das Fenster der Halle schauen konnte, wenn auch nur aus einiger Entfernung.

*

… als der Meistergoldschmied Andrasz Baclavy aufstand und sich ehrerbietig vor der Königin verbeugte. Gustav hob irritiert die Augenbrauen, denn dieser Mann ergriff so gut wie nie von sich aus das Wort. Es war allgemein bekannt, dass er völlig unter dem Pantoffel seiner Frau stand, die eigentlich das Geschäft führte, eigentlich sogar Ratsfrau hätte sein können. Nur aus Zeitgründen hatte sie das Amt auf Andrasz geschoben, um sich noch mehr dem Gelderwerb widmen zu können.
„Meine Königin, werter Herr ab Asnidae“, begann er zögerlich. „Es ist mir höchst unangenehm, mich hier einmischen zu müssen. Wie Ihr sicher wisst, bin auch ich durch die Überfälle geschädigt worden. Doch das soll jetzt nicht mein Anliegen sein. Vielmehr geht es um eine Karawane, die noch unterwegs ist und in den nächsten Tagen hier erwartet wird. Ich habe Kunde von ihr, dass es bis jetzt keinen Überfall gegeben hat. Sie hat vor Monaten den weiten Weg von Edessa-Tyra angetreten, und sie bringt nicht nur die üblichen Waren mit. Meine liebe Gattin hatte die Idee, diesmal auch Künstler und Handwerker anzuwerben, die unseren Leuten hier Lehrer sein sollten. Und …“ jetzt wand Andrasz sich ein wenig vor Verlegenheit. “… die Karawane führt auch tyrenische Waffen mit sich.“
Lautes Gemurmel erhob sich unter den Ratsherren, und Donar holte tief Luft. „Die sind hiermit konfisziert“, knurrte er und richtete einen drohenden Zeigefinger auf den zusammengesunkenen Goldschmied. „Mag sein, dass man dort Dinge entwickelt hat, die Wunder vollbringen, aber ohne vorherige Erlaubnis hättet Ihr das nicht tun dürfen. Was, wenn diese Waffen von den Drakonern erbeutet und gegen uns eingesetzt werden? Ihr habt uns damit in noch größere Gefahr gebracht! Wäre der Kerker nicht schon so voll, hätte ich nicht übel Lust, Euch auch noch hineinzuwerfen.“
„Nein, nein“, beteuerte Baclavy weinerlich. „Bitte, hört mich an! Die Waffen sind für unsere Verteidigung! Meine Frau meinte … sie wollte doch nur Gutes tun!“
In dem Moment fühlte er sich am Kragen herumgerissen. Gustav stand dort, hielt ihn fest und durchbohrte ihn mit einem eisigen Blick. „Ihr dreimal verfluchter Idiot“, sagte er, mühsam beherrscht. „Konntet Ihr denn nicht wenigstens einen aus dem Rat ins Vertrauen ziehen? Nicht nur, dass Ihr fremde Waffen ins Land schmuggelt, jetzt bietet Ihr sie auch noch demjenigen an, der seine Loyalität erst noch unter Beweis stellen muss. In einem aber stimme ich ihm zu: Ihr gehört in den Kerker, und Eure Frau dazu!“

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Jon kniff prüfend die Augen zusammen. Das Dämmerlicht konnte nicht verbergen, dass Magdalina sich verändert hatte. Blass sah sie aus, und sie wirkte irgendwie abgezehrt. Die blaue Tunika hing allzu locker um ihre schmalen Schultern.
„Was ist mit dir passiert? So lange war ich doch gar nicht weg, aber du siehst aus wie ein Schatten“, fragte Jon ehrlich besorgt. Sie setzten sich auf einen Strohballen, und nach einer Weile fing Magdalina an zu erzählen: „Als ihr die Burg verlassen habt, mussten einige Aufgaben neu verteilt werden. Meinem Vater wurde ein Gehilfe abgezogen, sodass ich in der Schmiede für Handlangerdienste eingesetzt wurde. Direkt am ersten Tag kam ich zu nah an das Schmelzgefäß, in dem Vater eine neue Legierung mit einigen fremden Metallen ausprobierte. Von den Dämpfen wurde mir schwindelig, ich erbrach mich die ganze Nacht, und seitdem ist es kaum besser geworden. Antinea braut mir jetzt jeden Tag einen Tee aus Kräutern, die mir Linderung verschaffen, aber sie heilen mich nicht.“

„Jetzt ist Meister Rahavin wieder da“, sagte Jon und versuchte zuversichtlich zu klingen. „Er ist mächtig. Sicher kann er dir helfen. Ich werde ihn fragen.“

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Es war früher Abend, und die beiden waren auf einen hohen Baum geklettert, um vielleicht einen Blick in den Klosterhof werfen zu können. Noch gab die Sonne genug Licht, dass sie etwas erkennen konnten und gleichzeitig nicht genug, dass man sie leicht entdecken konnte. Den ganzen Tag über hatten sie den Stimmen und Geräuschen, die der Wind herübertrug, gelauscht, ohne recht schlau daraus zu werden. Einiges klang vage vertraut nach Befehlen und Übungskämpfen. Offenbar gab es auch eine Schmiede, in der unablässig gehämmert wurde, und aus irgendeinem Schlot stieg dichter schwarzer Qualm auf. Aber die merkwürdigen Schreie und unverständlichen Rufe konnten sie ebensowenig deuten wie das nervtötende hohe Gewinsel, das seit etwa einer Stunde an ihre Ohren drang.
Vorsichtig zog sich Sir Rabe auf den nächsten Ast. Viel höher konnten sie nicht mehr, ohne Gefahr zu laufen, dass es ihnen unter den Füßen wegbrach. Er spähte angestrengt durch das Blattwerk und winkte Dimetrius, ebenfalls heraufzukommen.
„Von hier aus kann man den Haupteingang sehen und einen Teil des Vorplatzes“, beschrieb er. „Da ist ziemlich viel Bewegung. Wie es aussieht, bereiten sie sich darauf vor, das Kloster bald zu verlassen. Und da drüben …“ Er kniff die Augen zusammen. Leider war die Entfernung zu groß für Einzelheiten. „Ein Übungskampf. Was ist das bloß für ein merkwürdiger Stil?“
„Herr, so was habe ich noch nie gesehen“, staunte Dimetrius. „Und schnell sind die!“
Gebannt verfolgten sie die beiden Kämpfer, die zu Fuß und mit wirbelnden Klingen umeinandertanzten und in rasender Geschwindigkeit jeden Schlag des Gegners parierten. Ihre schwarzen Gewänder verschwammen zunehmend mit der Dämmerung, und schließlich gab Sir Rabe ein Zeichen, dass man jetzt besser wieder auf den Boden und ins Lager zurückkehrte.

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